Das Feuer des Prometheus (Ausschnitte)

Gitta Martens

2. Bild

Ein Blatt Papier wölbt sich
Über der Glut,
Lose Seiten heben sich
Vom Wind des Feuers entfacht,
Gaukelnd brennen sie
Über den Köpfen der Meute.
Ein Ledereinband krümmt sich,
Ein Buchdeckel zeigt Brandlöcher,
Gezackte Ränder rahmen das Foto
Eines jungen Dichters,
Bücher knallen zu Boden
Ersticken kurz die Feuerherde,
Qualm verdeckt die Buchtitel,
während die Namen der Geschmähten in die
Flammen gebrüllt werden.

Prometheus, als Du den Göttern das Feuer stahlst,
damit die Menschen sich schützen,
hast Du da bedacht,
was der Mensch mit dem Feuer macht?

3. Bild

Erst flammen die Reden,
dann brennen die Bücher, Synagogen, Kirchen, Tempel
Dörfer, Städte;
Dann brennen Menschen auf Scheiterhaufen.
Keine Trutzburg gewährt Schutz, kein Mahnmal vergangener Greul stoppt
die Gewalt.
Keine Vernunft dringt zu den Wütenden vor.

Sie feiern Freudenfeuer auf den Ruinen, bis der Wahnsinn ein Ende hat.
Dann verbrennen sie heimlich ihre Parteibücher, Uniformen, Orden.
Dann kehrt Ruhe ein.
Aber Feuer löschen sich nicht von selbst.
Ohne Hüter, ohne Wehren schwelen die Glutherde weiter.
Lange Zeit unsichtbar – qualmen sie auf, nährende Worte entzünden sie erneut
Flammen steigen auf.

Prometheus – Du Vorherbedenkender – warum hast Du nicht bedacht,
was der Mensch mit dem Feuer macht?

Kein brennender Dornbusch erleuchtet die Landschaft mit Erbarmen,
hält das Inferno auf.
Kein Gott weit und breit straft mit der heiligen Flamme
Brandstifter und Mörder.
Die verkohlten Balken begraben das Kreuz,
begraben Hoffnung und Leben,
während die Fackeln der Zündler weiter hetzen.
Lassen sie sich nur mit Feuer bekämpfen?

Ausschnitt aus dem Langgedicht »Das Feuer des Prometheus« zu Bildern von Reinhard Gagel »Feuerstelle«: Intermedia Life – Performance aus Bild, Musik, Lyrik, Uraufführung im Oktober 2021, Video: https://youtu.be/gYwlgV2JYt4

Skip to content