Die Freiheit der Kunst

Viola Kühn

Kunst ist ein Sehnsuchtsort, ein Ort, in dem ich mich verdenken kann, weil ich hier Wahrheit finde, Abenteuer und Erkenntnis, selbstverständlich auch Unterhaltung. Kunst ist ein Ort für erfahrbare Ästhetik, wo selbst das Schlimmste gebrochen und, wie Eva Menasse meint, eingehegt wird, oder überhöht werden kann. Entscheidend dafür ist, was die Künstlerin oder der Künstler ausdrücken möchte. Insofern ist die Freiheit der Kunst wichtig. Es liegt mir fern, eine Gefahr für die Freiheit der Kunst zu deklarieren, im Gegenteil: So frei wie gegenwärtig war die Kunst lange nicht. Also will ich eher anschauen, unter welchen gesellschaftlichen Verhältnissen die Freiheit wirklich bedroht sein könnte und Wege der künstlerischen Lebensäußerung gefunden werden müssen.

Besonders in schwierigen, einengenden, beängstigenden Zeiten muss eine Künstlerin, ein Künstler Bilder, Wörter und Wortbilder, Rhythmen, Musik finden dürfen, die es möglich machen, auszudrücken, was auszudrücken für ein freies Leben geboten ist, auch verrätselt, wenn es sein muss, als Lebensäußerung, wenn die Machtverhältnisse es nicht zulassen, klar zu formulieren. Ich denke hierbei an das Zwischen-den-Zeilen-Lesen in Diktaturen. 

Es ist bekannt, dass einmal gefasste Meinungen, die zu Prinzipien erstarrt sind, die Lebendigkeit im Umgang miteinander behindern. Insofern müssen Künstlerinnen und Künstler frei immer wieder Möglichkeiten finden dürfen, sich ungewohnt auszudrücken und den Rezipientinnen und Rezipienten in sozialen Gegebenheiten zur Seite zu stehen. 

Wenn sich Künstlerinnen und Künstler diese Freiheit nehmen, ist es nicht ausgeschlossen und sogar ziemlich wahrscheinlich, dass sie anecken und irritieren oder kränken. Vor allem, wenn sie sich ein „Aufwachen“ für ein Thema und andere Wege und Welten wünschen. Sie können es wissen, vermuten, ahnen, aber genau wissen können sie es nicht, wo gelacht, wo etwas als Humor empfunden wird oder wo die Schmerzgrenze überschritten wird. Ich denke hierbei an Jan Böhmermanns Gratwanderung im Zusammenhang mit dem türkischen Präsidenten Erdogan. 

Wenn nicht klar erkennbar ist und nicht einzuordnen, was die Gefühle in unklaren Situationen bewegt, ist es die Kunst, die diese in Bild, Text, Schauspiel, in Tanz, Musik und Film etc. vorzuführen in der Lage ist. Zur ausschließlich humorvollen Unterhaltung ist in der Kunst fast alles möglich. Das zeigt sich im Buchbereich am deutlichsten in Abenteuer- und Heldenromanen, ganz gleich ob die Handlung auf der Erde, unter Wasser oder im Weltraum angesiedelt ist. Ob es gelungen ist, Rezipientinnen und Rezipienten in die Welt der Fantastik mitzunehmen, sie zum Mitfühlen, zum Lachen und Weinen gebracht zu haben, zeigt deren Echo. Die Frage nach der Verantwortung für überzogene, unrealistische Darstellungen, die nicht eindeutig als Spaß zu verstehen sind, möchte ich dennoch stellen, besonders für Kinder. Ich denke dabei an Filme, in denen Superhelden nach harten Schlägereien wieder aufstehen, als sei nichts gewesen, nach Schusswechseln und Verletzungen immer noch große Hindernisse auf dem Weg zum Ziel überwinden und so weiter und sofort. 

Wir erleben gegenwärtig eine Paradigmenverschiebung von der Spaßgesellschaft zu mehr Aufmerksamkeit und gegenseitiger Achtung, unabhängig von Geschlecht, Hautfarbe, Religion und Kultur. Das mag einigen Künstlerinnen und Künstlern sowie Mitmenschen einengend erscheinen, als eine Bevormundung des Denkens und der Sprache, aber eine Diktatur ist es nicht. 

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