Der tote Winkel

Philipp P. Thapa

Die erste Welt, das ist für Eva Menasse die ernste gesellschaftliche Wirklichkeit. In den zweiten Welten dagegen gelten andere Regeln, oder gar keine. Die zweiten Welten stehen im Plural, weil sie »Fantasien, Räusche, Träume, Wünsche, Leidenschaften, Geheimnisse« sind, von denen schon jedem einzelnen Menschen mehrere zueignen. In diesem Sinn besteht die Schriftstellerin in ihrem Aufsatz »Die rote Linie« (Die Zeit vom 5. Januar 2022) darauf, daß wir die Kunst in den zweiten Welten verorten und mit einer festen Grenze vor der politischen (Selbst-)Zensur der ersten Welt schützen.

Zu dieser Stellungnahme veranlaßt sieht sich Menasse zunächst, aber nicht nur, durch neue, politisch begründete Sprachnormen. Als Beispiel nennt sie – nicht die Formfindungsversuche der gendergerechten Sprache, mit denen ich selbst am häufigsten ringe, sondern – die Tabuisierung formal gewöhnlicher Wörter wie »Neger«, »Schwuchtel« oder »Mongo«. Denn seit einigen Jahren setze sich im deutschsprachigen Raum zunehmend die Ansicht durch, solche Bezeichnungen sollten kontextunabhängig aus der Sprache getilgt werden, selbst in der direkten Rede fiktionaler Figuren.

Daß diese verschärfte Sprachhygiene kein bloßes Debattenthema oder Angstgespinst ist, zeigt mir unter anderem die kürzlich erschienene Neuübersetzung des Romans Die Farbe Lila (Ecco Verlag, 2021; im Original The Color Purple, 1982). Darin schildert die Autorin Alice Walker die Unterdrückung schwarzer Frauen in den amerikanischen Südstaaten des frühen zwanzigsten Jahrhunderts, und die damaligen Verhältnisse spiegeln sich auch und gerade in der Sprache wider. Dies gilt umso mehr, da das Buch als Briefroman und damit insgesamt als direkte Rede von zeitgenössischen Figuren angelegt ist. Doch die Übersetzerkollegin Cornelia Holfelder-von der Tann hat sich entschlossen, bei ihrer deutschen Fassung eine Sprachregelung anzuwenden, die sie in der editorischen Notiz so zusammenfaßt:

Der im Original häufig genutzte Begriff »colored« wurde mit »Schwarz/schwarz« übersetzt. Das im Original verwendete n‑Wort wurde als »n***« beibehalten, wenn es den Rassismus der Figur zum Ausdruck bringt; wenn es im Original als Selbstbezeichnung, also nicht rassistisch verwendet wird, wurde es ersetzt.
Der im Original verwendete Begriff »Indian« wurde je nach Kontext mit »indigen« oder dem jeweiligen Stamm, der gemeint ist, übersetzt.

Außerdem schreibt die Übersetzerin das Adjektiv »weiß« – nicht groß, analog zu »Schwarz«, sondern – mit einem kursiven Anfangsbuchstaben, wenn es sich auf weiße bzw. »weiße« Menschen bezieht. Ich teile die Zweifel der Rezensentin Julia Schröder, wenn sie fragt:

Sind diese Korrekturen wirklich nötig bei einem Buch für Erwachsene, das insgesamt nicht zimperlich ist? Vermitteln sie nicht einen bestenfalls anachronistischen Eindruck, nämlich den, Alice Walker habe die Leute auf den Holzveranden in Georgia damals augenblicksweise miteinander reden lassen wie Zweitsemester an einem Ostküstencollege? (Deutschlandfunk, Büchermarkt vom 7. Januar 2022)

Noch mehr: Gilt nicht gerade in der US-amerikanischen Rassismusdebatte die Konvention, daß Schwarze (und nur sie) das Wort »nigger« durchaus benutzen dürfen – zu hören unter anderem in unzähligen Songs schwarzer Rapper? Es müßten in Schröders Bild also schon nicht-schwarze Zweitsemester sein, die aus irgendwelchen Gründen gezwungen sind, diesen für sie unaussprechlichen Text aufzuführen, und in ihrer politischen Not darauf ausweichen, die Sprache von The Color Purple historisch zu verfälschen.

Hätten die Übersetzerin und ihr Verlag mit einem Twitter-Sturm der Entrüstung rechnen müssen, wenn sie dem Sprachschema des Originals gefolgt wären, von »Farbige« bis »Indianer«? Gut möglich. Es ist ein Szenario vorstellbar, in dem die Beteiligten sich nicht aus künstlerischen Gründen, sondern vor allem wegen solcher absehbaren Unannehmlichkeiten für eine bestimmte Gestaltungslinie entscheiden.

Dies wäre jedenfalls ein Beispiel für Eva Menasses zentrale Botschaft: die Warnung vor einem gesellschaftlichen Klima, das zur künstlerischen und intellektuellen Selbstzensur führt. Denn wogegen Menasse anschreibt, das sind keine staatlichen Eingriffe in die Freiheit von Meinungsäußerung, Kunst und Wissenschaft, also keine offensichtlichen Verstöße gegen den Artikel 5 des Grundgesetzes, die auch rechtlich zu beanstanden wären. Menasse scheint sich vielmehr eine Gesellschaft zu wünschen, in der Kunstschaffende unbeschwert die Empfindlichkeitsgrenzen ihrer Mitmenschen übertreten dürfen, sich selbst aber jederzeit hinter die imaginäre rote Schutzlinie der zweiten Welten zurückziehen können, wenn die Reaktion ihre Künstlerseele zu verletzen droht.

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Ist diese Zuspitzung gerechtfertigt? Von meiner verzichtbaren Wortwahl »Künstlerseele« einmal abgesehen, faßt der vorige Absatz, glaube ich, ganz treffend zusammen, was Menasse schreibt. Ja, es geht ihrem Text – und dem deutschen Grundgesetz – um eine Sonderstellung der Kunst; und ja, ihr Text macht die Intaktheit dieses Schutzstatus allein daran fest, wie gesellschaftliche Debatten über Kunst geführt werden. Selbst wo das Wort »Attacken« fällt, bezieht es sich im Kontext ausschließlich auf die Meinungsäußerungen anderer Gesellschaftsmitglieder.

Wenn das alles sein sollte, dann wäre ich geneigt, die Forderung, die Menasse an die Gesellschaft stellt, als freundlichen Rat an die umstrittenen Kunstschaffenden zurückzugeben: Laßt euch ein dickes Fell wachsen, Kolleg·innen, denn soviel Freiheit müßt ihr aushalten – und Glückwunsch übrigens zu all der Aufmerksamkeit!

Aber es geht ja um mehr.

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Was Eva Menasses Beitrag im toten Winkel verschwinden läßt, wird mir klar, als ich ihrem Verweis auf den Wiener Philosophen Robert Pfaller nachgehe. Von ihm übernimmt Menasse die Denkfigur der ersten und zweiten Welten (Zweite Welten, S. Fischer, 2012). Und wenn die oben zitierte DLF-Rezensentin Julia Schröder ein »Buch für Erwachsene« gegen politische Sprachkorrekturen verteidigt, dann klingt dies für mich nach der Pfaller-Lektüre wie ein Echo auf seine Überlegungen zur »Erwachsenensprache«.

Im gleichnamigen Buch (S. Fischer, 2017) diagnostiziert Pfaller zwei gegenläufige Trends in der westlichen Gegenwartskultur: die Infantilisierung der Sprache bei gleichzeitiger Brutalisierung der realen Verhältnisse. Einerseits setzen wir (Pfaller präzisiert: die Angehörigen der Mittelschicht) uns immer kleinteiliger über die angemessene Rücksichtnahme im sprachlichen Ausdruck, die Legitimität besonderer Ansprüche von unterschiedlichen Identitätsgruppen und unsere damit verbundenen Gefühle auseinander. Andererseits gewöhnen wir uns nicht zuletzt dadurch wieder daran, in einer Gesellschaft der Ungleichen zu leben, unter deren Überlebensbedingungen wir »Konkurrenten deklassieren« müssen – und sei es, indem wir das »kostbare Gut des angemessenen Benennens« immer weiter verknappen. So verkehrt sich die Solidarität mit Benachteiligten in einen Treibstoff der neoliberalen Wettbewerbsmaschine.

Pfaller empfiehlt deshalb, es lieber umgekehrt zu halten. Zum einen sollten wir uns gerade im öffentlichen Raum darauf besinnen, daß wir Erwachsene sind, die ihre Befindlichkeiten auch mal hinter sich lassen könnten, um stattdessen sachliche Argumente auszutauschen. Diese Haltung beschreibt Pfaller als die Tugend der mündigen Bürgerlichkeit (citoyenneté); und erst sie ermögliche es uns, Gleichheit zu verwirklichen. Zum anderen könnten wir unsere freiwerdenden Kräfte sinnvoll dazu einsetzen, um beispielsweise gegen die Vormacht der reichen Rentiersklasse und andere handfeste Ungerechtigkeiten vorzugehen.

In einer ähnlichen gedanklichen Wendung tun wir gut daran, auch Eva Menasses Reflexionen zur Kunstfreiheit durch einen direkten Schulterblick zu ergänzen. So wie der Streit über gerechte Sprache manchmal an die Stelle von dringend nötiger Realpolitik tritt, kann eine hochfliegende Debatte über differente Ausdruckswelten, rote Linien und prominente Grenzfälle uns von der lebenspraktischen Unfreiheit ablenken, die Kunstschaffende und Intellektuelle schon in den Niederungen des Alltags knebelt. Wer für den Lebensunterhalt stets auf die nächste Förderzusage schielen muß, paßt sich den Erwartungen der Geldgeber an, vermutet Birgit Lohmeyer. Ich vermute, daß dies sinngemäß auch dann zutrifft, wenn ich vom Markterfolg meiner Werke abhängig bin. Sich um beides nicht scheren zu müssen und trotzdem die Muße für schöpferische Arbeit zu finden, ist nur wenigen vergönnt. Beginnt aber nicht erst hier echte künstlerische und intellektuelle Freiheit? So könnte ich jedenfalls das Gespräch beginnen, das mich in diesem Themenkreis am meisten interessiert.

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